Unterschiede in den Sprachkompetenzen von Fünfjährigen mit und ohne Migrationshintergrund – worin liegen die Ursachen?

Vor allem der familiale Sprachgebrauch spielt eine entscheidende Rolle

30.10.2015
 

Die Deutschkenntnisse von Kindern in Zuwandererfamilien sind aufgrund der geringeren sozialstrukturellen Ressourcen in der Familie (wie z. B. Bildungsabschluss und beruflicher Status der Eltern) im Durchschnitt niedriger. Innerhalb der Gruppe der Zuwandererfamilien variieren die Deutschkenntnisse der Kinder in Abhängigkeit von der Sprache, die zu Hause gesprochen wird, und nach dem Alter beim Eintritt in die Kindertageseinrichtung.

 
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Wie großangelegte Schulleistungsstudien bereits zeigten, unterscheiden sich Kinder mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland in ihren schulrelevanten Kompetenzen. Auffällig ist, dass in diesen standardisierten Untersuchungen Kinder mit türkischer Herkunft auch im Vergleich zu Kindern aus anderen Zuwanderergruppen im Durchschnitt geringere Ergebnisse erzielen. Möchte man migrationsbedingten Kompetenzunterschieden entgegenwirken, ist es wichtig, die Ursachen hierfür frühzeitig im Lebenslauf zu identifizieren und entsprechende Lösungsansätze zu entwickeln.

Prof. Dr. Ilona Relikowski (Otto-Friedrich-Universität Bamberg), Prof. Dr. Thorsten Schneider (Universität Leipzig) und Tobias Linberg, Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. (LIfBi), haben die Deutschkenntnisse bei Fünfjährigen nach den Herkunftsländern der Eltern verglichen und Ursachen für potentielle Unterschiede aus bildungssoziologischer Perspektive diskutiert. Zur Untersuchung dieser Fragestellung wurden Daten von 1.790 Kindern aus 268 Kindertageseinrichtungen (KiTa) mit statistischen Zusammenhangsanalysen ausgewertet. Dabei wurde differenziert zwischen Kindern ohne Migrationshintergrund, Kindern, bei denen ein Elternteil oder beide Elternteile aus der Türkei stammen, und Kindern, bei denen ein Elternteil oder beide Elternteile in einem Land der ehemaligen Sowjetunion (UdSSR) geboren wurden. Zusätzlich konnten innerhalb der letzten Gruppe (Spät-)Aussiedlerfamilien identifiziert werden. Als Indikatoren für die Kenntnisse der deutschen Sprache wurde auf Ergebnisse aus Aufgaben zum rezeptiven Wortschatz  sowie zum Grammatikverständnis zurückgegriffen, die im Rahmen der Erhebungen der NEPS-Studie „Frühe Bildung und Schule“ mit den Kindern durchgeführt wurden.

Die Auswertungen zeigten, dass Kinder aus Zuwandererfamilien in den untersuchten Bereichen deutlich geringere Kenntnisse der deutschen Sprache aufwiesen als Kinder, deren Familien keinen unmittelbaren Migrationshintergrund haben; dabei erzielten Kinder türkischer Herkunft im Vergleich zu Kindern von Zuwanderern aus der ehem. UdSSR schlechtere Ergebnisse. Unterschiede zwischen den drei Gruppen konnten zum Teil auf die sozialstrukturellen Ressourcen der Familie zurückgeführt werden (z. B. das Kulturkapital des Elternhauses – erfasst über den Besitz von Büchern oder die Häufigkeit des Besuchs von Museen – oder der sozioökonomische Status des Elternhauses – erfasst über die berufliche Tätigkeit der Eltern und die Anzahl der Bildungsjahre). Weitere wesentliche Faktoren, die Unterschiede in der Sprachkompetenz innerhalb der beiden Migrantengruppe bewirkten, sind die Erstsprache des Kindes und die zu Hause gesprochene Sprache: Ist die Erstsprache des Kindes und die zu Hause gesprochene Sprache Deutsch, weisen die Kinder höhere Kenntnisse im Deutschen auf. Zudem zeigten die Ergebnisse, dass bei Kindern aus Zuwandererfamilien ein späterer Eintritt in die KiTa mit geringeren Sprachkompetenzen einhergeht. Aspekte wie die Aufenthaltsdauer der Mutter in Deutschland oder der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in der besuchten KiTa übten keinen oder nur einen unwesentlichen Einfluss auf die Deutschkenntnisse der Kinder aus. Innerhalb der Gruppe der Kinder mit Eltern aus der ehemaligen UdSSR spielt es bei den betrachteten Sprachmaßen keine Rolle, ob sie in einer (Spät-)Aussiedlerfamilie aufwachsen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unter den identifizierten Ursachen für Unterschiede in der deutschen Sprachkompetenz Fünfjähriger mit und ohne Migrationshintergrund insbesondere der familiale Sprachgebrauch eine entscheidende Rolle spielt. Neben der Messung der Sprach- kompetenz der Kinder sollten in künftigen Studien weitere Einflussfaktoren wie aufgabenbasierte Ergebnisse zu den Sprachkenntnissen der Eltern und die Sprache der genutzten Medien berücksichtigt werden. Ferner sollten für die Erklärung migrationsbedingter Unterschiede in der Sprachkompetenz auch andere Herkunftsgruppen untersucht werden. Für die Betrachtung weiterer Kompetenzbereiche im KiTa-Alter bieten die NEPS-Daten großes Forschungspotenzial.

 

Originalliteratur
Relikowski, I., Schneider, T. & Linberg, T. (2015). Rezeptive Wortschatz- und Grammatik- kompetenzen von Fünfjährigen mit und ohne Migrationshintergrund: Eine empirische Untersuchung aus bildungssoziologischer Perspektive. Frühe Bildung, 4(3), 135–143.

Zitierhinweis
Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. (2015, Oktober): Unterschiede in den Sprachkompetenzen von Fünfjährigen mit und ohne Migrationshintergrund – worin liegen die Ursachen? (NEPS Ergebnisse). Bamberg, Deutschland.