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Welche Erkenntnisse liefert die NEPS-Studie?

Schultyp und Vorbilder prägen Vorlieben für bestimmte Berufe

10.02.2017

Der Besuch eines bestimmten Schultyps prägt die beruflichen Ziele von Jugendlichen entscheidend. Dagegen hat die Wohngegend einen vergleichsweise geringen Einfluss: Wohnen in einem Viertel viele sozial privilegierte Familien, schätzten die Jugendlichen dort ihre Berufsaussichten optimistischer ein als in weniger privilegierten Nachbarschaften.

©Fotolia / Christian Schwier  

Studien aus den Vereinigten Staaten zeigen, dass das Wohnumfeld und die Schule einen großen Einfluss auf die berufliche Zukunftsplanung von Jugendlichen haben. Wo verhältnismäßig viele sozial benachteiligte Familien in der Nachbarschaft wohnen und wo deren Kinder die Schule besuchen, sind Bildungserfolg und Berufsaussichten deutlich schlechter als in sozial bessergestellten Nachbarschaften. Zu ähnlichen Erkenntnissen kommen Untersuchungen aus europäischen Ländern – wobei die soziale Spaltung zwischen den Nachbarschaften im Vergleich zu den Vereinigten Staaten weniger stark ausgeprägt ist. Hingegen steckt in Deutschland die Forschung zu Schul- und Nachbarschaftseffekten noch in den Kinderschuhen. Diese Lücke schließt eine aktuelle Studie.

Alexandra Wicht und Prof. Dr. Wolfgang Ludwig-Mayerhofer von der Universität Siegen haben untersucht, wie sich Berufsziele entwickeln und nach welchen Kriterien Jugendliche ihre berufliche Zukunft planen: Welchen Einfluss hat dabei die Schule, die sie besuchen? Welche Rolle spielen Lehrkräfte, Freunde und Nachbarschaft? Grundlage der Studie war eine Analyse von Daten aus der NEPS-Studie „Schule, Ausbildung und Beruf“ in Kombination mit Informationen zur Wohngegend, konkret zur sozialen Zusammensetzung der Nachbarschaft. In der Erhebung machten 4.212 Neuntklässlerinnen und Neuntklässler unterschiedlicher Schultypen Angaben über ihren Wunschberuf und gaben eine Einschätzung dazu ab, wie es für sie voraussichtlich nach der Schule weiter geht. Schulische und familiäre Umstände, die die Berufswahl mitentscheiden können, wurden ebenfalls in die Auswertung einbezogen: Dazu gehörten Ergebnisse aus der Erhebung und Schulnoten der Schülerinnen und Schüler in den Fächern Mathe und Deutsch sowie Angaben zu Geschlecht, Migrationshintergrund und zu den Berufen der Eltern.


Jugendliche in bessergestellten Nachbarschaften stecken sich höhere Ziele

Das Forscherteam fand heraus, dass Jugendliche in Problemvierteln ihre beruflichen Zukunftschancen nicht schlechter einschätzen als Gleichaltrige aus wohlhabenderen Gegenden. Sie zeigten aber auch, dass letztere eher von ihrer bessergestellten Nachbarschaft profitieren: Wohnen in einem Viertel verhältnismäßig viele sozial privilegierte Familien, schätzten die Jugendlichen dort ihre Berufsziele optimistischer ein als in weniger privilegierten Nachbarschaften – und zwar unabhängig davon, welche Tätigkeit sie als ihren Wunschberuf angaben. Offenbar prägen hier positive Vorbilder die Vorlieben der Jugendlichen für einen Beruf, die dann wiederum eher dazu neigen, sich ihre beruflichen Ziele höher zu stecken.


Schultyp entscheidet bei Berufswahl

Viel stärker allerdings als die Nachbarschaft beeinflusst die Schule die beruflichen Ziele der Jugendlichen. Die Studie belegte eindeutig, dass sich die Berufswünsche der Schülerinnen und Schüler je nach Schultyp unterscheiden. Jugendliche, die ein Gymnasium besuchen, planen später in Berufen mit einem vergleichsweise hohen Status tätig zu sein. Überraschend aber: Auch zwischen gleichen Schultypen variieren die Berufswünsche. Ist der durchschnittliche Berufsstatus der Eltern an einer Schule im Vergleich zu einer anderen Schule gleichen Schultyps höher, gaben auch die Schülerinnen und Schüler in der Befragung häufiger Wunschberufe mit hohem Ansehen an. Vermutlich prägen gemeinsam geteilte Werte der Jugendlichen einer Schule auch deren Vorlieben für bestimmte Berufe, so die Forscher.


Gute Schulnoten führen zur optimistischen Einschätzung der Berufsaussichten

Laut der Studie beeinflussen zudem Schulnoten die Berufswünsche der Jugendlichen und deren zukünftige Berufswahl. Offenbar messen die Jugendlichen der Notengebung ihrer Lehrkräfte eine hohe Bedeutung zu, wenn es um die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Leistungen – und damit auch der potenziellen Berufsfelder – geht.

Die Befunde der Studie bestätigen einmal mehr: Der Besuch eines bestimmten Schultyps ist in Deutschland offensichtlich für die beruflichen Perspektiven entscheidend. Dagegen hat die Wohngegend einen vergleichsweise geringen Einfluss auf die Berufswahl der Jugendlichen. Vermutlich auch deshalb, weil die soziale Segregation in Wohngebieten in Deutschland – beispielsweise im Vergleich zu den Vereinigten Staaten – nicht so stark ausgeprägt ist. Dass insbesondere die Schule eine solch hohe Bedeutung hat, hängt nach Ansicht des Forscherteams mit der frühen Aufteilung in verschiedene Schulformen in Deutschland zusammen, die zur Folge hat, dass Kinder aus der Nachbarschaft oft nur die ersten Jahre gemeinsam eine Schule besuchen.

Originalliteratur

Wicht, A. & Ludwig-Mayerhofer, W. (2014). The impact of neighborhoods and schools on young people's occupational aspirations. Journal of Vocational Behavior, 85(3), 298–308.

Zitierhinweis

Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. (2017, Februar): Schultyp und Vorbilder prägen Vorlieben für bestimmte Berufe (NEPS Ergebnisse). Bamberg, Deutschland.