Die Auswirkungen des Sitzenbleibens

 
12.11.2014
 
Die beiden Wissenschaftlerinnen Dr. Anke B. Liegmann und Denise Demski untersuchten mit NEPS-Daten, wie sich Klassenwiederholungen auf den späteren Lebensweg auswirken.
 

Der Buchbeitrag mit dem Titel „Klassenwiederholungen im Kontext von Schul- und Berufsbiographien" schlug in der Presse große Wellen und führte zu ausführlicher Berichterstattung, unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wir haben mit den Verfasserinnen des Artikels gesprochen.

LIfBi: Sie haben auf der Grundlage von NEPS-Daten einen Aufsatz mit dem Titel „Klassenwiederholungen im Kontext von Schul- und Berufsbiographien“ veröffentlicht.
Dieser Aufsatz hat in der Presse gewaltige Wellen geschlagen und wurde von vielen lokalen Medien und auch von überregionalen Qualitätsmedien, wie z. B. der Welt oder der FAZ, aufgegriffen. Der Tenor der Berichterstattung lautete: Klassenwiederholungen schaden nicht. Sehen Sie Ihren wissenschaftlichen Artikel in diesem Fazit widergespiegelt?

Liegmann: Ja und nein. Wir haben stets betont, dass die Konsequenzen für die Bildungspolitik, die aus unseren Daten gezogen werden können, vorsichtig betrachtet werden müssen. Es handelt sich ja um ein aktuell viel diskutiertes Thema und die Klassenwiederholung wurde in einigen Bundesländern ganz abgeschafft. Unsere Studie kann dabei nicht unmittelbar zu bildungspolitischen Entscheidungen beitragen, da wir eine sehr breite Kohorte untersucht haben, deren Daten weit in die Vergangenheit zurückgehen. Die jüngsten Geburtsjahrgänge sind nun 20 bis 24 Jahre alt. Für die Schülerinnen und Schüler von heute stellt sich die Situation möglicherweise anders dar, da die Gesellschaft heute stärker auf kurze, leistungsstarke und erfolgreiche Bildungswege fokussiert. Des Weiteren gibt es einen leicht höheren Anteil an Klassenwiederholerinnen und -wiederholern, die im Verlauf ihrer beruflichen Laufbahn von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Hierbei können über mögliche Zusammenhänge nur andeutungsweise Rückschlüsse gezogen werden. Nicht zu verleugnen ist jedoch die Tatsache, dassKlassenwiederholerinnen und -wiederholer systemimmanent Kosten verursachen, die innerhalb des Bildungssystems anderswo möglicherweise besser investiert wären.

Demski: Herr Roßbach, Direktor des LIfBi, hatte uns im Vorfeld der Presseaktivitäten des Instituts angeschrieben und der Wortlaut „Klassenwiederholung schadet nicht“ stammt von ihm. Einerseits kann man das natürlich relativieren und sagen, dass dies lediglich bezogen auf den Bildungsabschluss und den sozio-ökonomischen Status so zutrifft. Ich persönlich fand die überspitzte Darstellung der Presse nicht so schlimm, da die Diskussion über das Thema deutlich angeregt wurde. Wir sind uns ja bewusst, dass dezidierte, fachbezogene Studien existieren, bei denen der Leistungszuwachs innerhalb eines Jahres durch Klassenwiederholungen denkbar gering ist. In einem solchen Fall muss man sich schon fragen, was das nützt.

Liegmann: Die Darstellung ist eben stark verkürzt. Wir haben keine individuellen Folgen, wie Wohlbefinden in der Klasse, Selbstkonzepte o. ä., berücksichtigt. In Bezug auf die von uns untersuchten Variablen waren die Unterschiede zwischen Wiederholerinnen und Wiederholern und Nicht-Wiederholerinnen und -wiederholern eben denkbar gering.

LIfBi: Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Klassenwiederholungen hauptsächlich durch die zusätzlichen Kosten ökonomischen Schaden verursachen. Zudem sind Klassenwiederholerinnen und -wiederholer auch stärker von Arbeitslosigkeit betroffen.

Liegmann: Ja. Man kann die Konsequenzen für die heutige Bildungspolitik auch aus anderen Gründen nicht unbedingt eins zu eins aus diesen Daten ziehen, weil sich gewisse Bedingungen in der Gesellschaft verändert haben.

LIfBi: Insbesondere, da Sie mit der Geburtskohorte 1940/49 angefangen haben. Da gab es bestimmt einige Änderungen.

Liegmann: Vor allem aber in den letzten Jahren seit PISA. Ich denke, dass Bildung heute in der Gesellschaft stärker diskutiert wird. Das war bei den von uns erfassten Geburtsjahrgängen,
die hauptsächlich vor PISA zur Schule gingen, nicht so. Darüber hinaus haben wir ausschließlich
Querschnittsdaten genutzt und können daher wenig zu individuellen Bildungsverläufen sagen, wie z. B. der Frage, ob Bildungsabschlüsse über einen zweiten Bildungsweg nachgeholt wurden. Daher kann man den Aufsatz als erste Annäherung an das Thema betrachten.

LIfBi: Auf den ersten Blick habe ich die Diskrepanz zwischen der amtlich vermeldeten
Marke von 2 % an Klassenwiederholerinnen und -wiederholern und den unterschiedliche Quoten, die Sie als Klassenwiederholerinnen und -wiederholern in den von Ihnen gebildeten Kohorten (Geburtsjahrgänge
1940/49, 1950/59, 1960/69, 1970/79 und 1980/89) gefunden haben, nicht verstanden – Sie berichten Quoten zwischen 15 und 25 %. Wie gehen die jährlichen 2 % an Wiederholern/innen mit diesen 15 bis 25 % Klassenwiederholerinnen und -wiederholern pro Kohorte zusammen?

Liegmann: Die 2 % pro Jahr, von denen die Statistiken berichten, sind eben der Anteil von Schülerinnen und Schülern, die in diesem Jahr wiederholen. Wir betrachten hingegen die ganze Schullaufbahn und berichten, wie viel Prozent der Schülerinnen und Schüler mindestens
eine Klassenstufe wiederholt haben. Die 2 % kumulieren sich dann natürlich über die Jahre auf die 15 bis 25 %.

Demski: Die PISA-Studie hat eine ähnliche Wiederholerquote errechnet, die um die 20 % liegt. Diese Daten sind ebenfalls kumuliert. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Gruppe von zehn Leuten vor sich und fragen sie, wer von ihnen sitzen geblieben ist. Wenn fünf „ich“ sagen, handelt es sich um 50 %. Wenn sie in dieser Gruppe stattdessen fragen würden, wer von ihnen in einem bestimmten Jahr sitzen geblieben ist, bleibt vielleicht noch einer.

LIfBi: Haben Sie überprüft, ob Effekte auftreten, wenn man die zugrundeliegenden Kohorten anhand von Selbstbeschreibungen schneidet, wenn man also z. B. die „Aufbaukohorte“ mit den „Babyboomern“ vergleichen würde?

Demski: Das hatten wir überlegt, uns aber dann ganz pragmatisch für diese Kohorten-Einteilung entschieden, da es natürlich immer willkürliche Setzungen sind. Ein Stück weit müsste man da ja auch Schulreformen im Blick haben. Bei Quervergleichen, von z. B. den Babyboomern, müsste man etwaige Vergleichskohorten erst finden.

Liegmann: Und es gäbe ganz viele Kontextvariablen, wie z. B. Arbeitslosenquoten o. ä., aber im Rahmen dieses Konzepts wäre das etwas zu komplex gewesen.

LIfBi: Bei ihrer Annäherung zur Klassenwiederholung haben Sie den Gender-Aspekt gestreift, indem sie z. B. zeigen, dass die Mädchen „aufholen“, was die Quote der Klassenwiederholungen angeht. Bei den ersten Kohorten waren Klassenwiederholungen bei Mädchen noch nicht so häufig wie später. Wie kann man das erklären?

Demski: Wenn man andere Studien betrachtet, sind die Jungs zumeist diejenigen, die häufiger Klassen wiederholen, z. B. auch bei der PISA-Studie. In unserer Stichprobe ist das allerdings nicht so. Wenn man davon ausgeht, dass Mädchen jetzt doch deutlich häufiger als in den früheren Geburtskohorten das Gymnasium besuchen, müsste man einbeziehen, in welcher Schulform die Wiederholung stattfindet.

Liegmann: Genau. Vor allem in den ersten beiden Geburtskohorten war es häufiger noch so, dass heute ältere Frauen damals eher die Schulform verlassen haben als die Klasse zu wiederholen. Dies gilt vor allem für höhere Klassen. Das ist von alten Studien erfasst worden. Diese Studien machten deutlich, dass Mädchen bei Problemen in der Schule eher die Schule verlassen haben, um z. B. zu heiraten oder um eine Ausbildung zu machen. Oftmals dann eben ohne Schulabschluss oder mit einem niedrigeren als ursprünglich angedacht. Das wäre eine Erklärung dafür. Es ist natürlich keine Erklärung für die geringen Unterschiede in den höheren Geburtskohorten, da die PISA-Daten andere Ergebnisse erzielten bzw. aussagten. Dafür habe ich auch keine Erklärung.

LIfBi: Wo sehen Sie noch weiteren Klärungsbedarf rund um ihre eher unerwarteten Ergebnisse?

Demski: Ich hätte größere Unterschiede bei Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund erwartet, wobei man sagen muss, dass da die Geburtskohorten teilweise schwach besetzt waren. Zudem haben wir nur Bildungsinländerinnen und -inländer in den Blick genommen.

LIfBi: Frau Demski, Frau Liegmann, vielen Dank für Ihre ausführlichen und anschaulichen Erläuterungen zu Ihren spannenden Befunden!

Dr. Anke B. Liegmann, Erziehungswissenschaftlerin, betreut den Arbeitsbereich Qualitätsmanagement in Praxisphasen im Lehramtsstudium und ist assoziiertes Mitglied
der Arbeitsgruppe Bildungsforschung an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen.

Denise Demski (Dipl.-Soz.-Wiss.) beschäftigt sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der gleichen Fakultät mit Aspekten der datengestützten Schulentwicklung sowie der Sprachbildung in Schulen und ist seit 2009 Mitglied der Arbeitsgruppe Bildungsforschung.