Studienwahl von Frauen und Männern: interessiert oder gut kalkuliert?

10.04.2017
 

Frauen entscheiden sich seltener für technische oder naturwissenschaftliche Studiengänge, das ist bekannt. Nun blickt eine Studie hinter die Quoten: Ist es tatsächlich so, dass sich Frauen für andere Studiengänge als Männer interessieren oder geschieht die Fächerwahl schlicht aus einer Notwendigkeit, etwa um in Zukunft Berufstätigkeit und Familie vereinbaren zu können?

 
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Ob bei den Abiturabschlüssen, im Studium oder im Arbeitsleben – in vielen Bereichen ist die Anzahl der Frauen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Trotz dieser Entwicklung hat sich die typische Studienwahl von Männern und Frauen nicht wesentlich verändert: In klassischen Männerdomänen, wie in technischen oder naturwissenschaftlichen Studiengängen, stieg der Frauenanteil nur langsam. Auch Männer entscheiden sich weiterhin seltener für typisch weibliche Berufsfelder, etwa für die Bereiche Gesundheit, soziale Dienste oder für das Lehramt. Warum das so ist, erforschen Expertinnen und Experten schon seit einiger Zeit, denn die Geschlechtertrennung im Beruf gehört zu den wichtigsten Stellschrauben im Streit um Frauenquote, Gleichberechtigung und Frauenförderung.

Nun stellt eine Studie diese Frage neu: Ist es so, dass Frauen aus Interesse andere Studienfächer als Männer aufnehmen wollen oder geschieht die Fächerwahl schlicht aus einer Notwendigkeit, etwa weil Freunde Vorbehalte gegen eine solche Wahl äußern könnten, oder um in Zukunft einmal Berufstätigkeit und Familie vereinbaren zu können? Fabian Ochsenfeld (Goethe-Universität, Institut für Soziologie) hat erforscht, nach welchen Kriterien Studienanfängerinnen und -anfänger ihr Studienfach tatsächlich ausgewählt hatten. Dazu wertete der Soziologe anhand von Daten der NEPS-Studie „Hochschulstudium und Übergang in den Beruf“ Befragungsergebnisse von jungen Menschen aus, die im Herbst 2010 ein Studium begonnen haben. In der Erhebung machten die Studienanfängerinnen und -anfänger Angaben zu ihren eigenen beruflichen Interessen, zu den Reaktionen der Eltern und Freunde auf ihre Studienwahl und gaben an, welche Kriterien (z. B. angenehme Arbeitszeiten, hohes Gehalt) ihr künftiger Beruf erfüllen sollte. Berücksichtigt wurden ausschließlich Personen mit Abitur, denn nur diesen Absolventinnen und Absolventen stehen theoretisch alle Studiengänge an allen Hochschulen und Universitäten offen. Zusätzlich unterlegte der Wissenschaftler die Studie mit Daten aus dem Mikrozensus (2007 bis 2009) und der HIS-Absolventenbefragung, in der über 50.000 Berufstätige u. a. Angaben zu ihrem Beruf, Arbeits- zeiten und Gehalt machten.


Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht ausschlaggebend für die Studienwahl

Die Ergebnisse zeigen zunächst: Dass die Studienwahl von einer Einschätzung der Frauen über die künftige Vereinbarkeit von Familie und angestrebtem Beruf geprägt wird, konnte nicht belegt werden. Frauen wie auch Männer haben zwar vor ihrem Studium eine genaue Vorstellung davon, ob ihnen eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit in Zukunft wichtig ist und entscheiden sich dementsprechend für Studiengänge, die dies im Beruf erwarten lassen. Hinweise, dass sich Frauen häufiger als Männer für einen Studiengang wegen der künftigen familienfreundlicheren Arbeitszeiten entscheiden, hat der Forscher jedoch nicht gefunden.


Interessen haben den größten Einfluss

Warum entscheiden sich dennoch weiterhin mehr Frauen für soziale Berufe statt für Maschinen- bau? Dies hängt schlicht mit unterschiedlichen beruflichen Interessen bei Studienbeginn zusammen, so Ochsenfeld. So zeigten Männer in der Studie häufiger Interesse an praktischen, etwa handwerklichen Tätigkeiten, und analytischen Aufgaben, wie naturwissenschaftlichen Forschungen, während Frauen höheres Interesse an sozialen und künstlerischen Aktivitäten hatten als ihre männlichen Kollegen. Die ungleiche Verteilung junger Männer und Frauen über die Studienfächer ist demnach die Folge unterschiedlicher Präferenzen zu Studienbeginn.


Beurteilung durch Freunde ist von Stereotypen geprägt

Und wenn Frau sich für einen männerdominiertes Studienfach entscheidet? Ein Großteil der Befragten scheint mit außergewöhnlichen Studienentscheidungen im Umfeld auf Vorbehalte zu stoßen. Demnach bekamen Frauen und Männer weniger Zuspruch von Freunden, wenn sie sich für Studienfächer entschieden, die als untypisch für ihr Geschlecht galten. Vermutlich neigen Schulabsolventinnen und -absolventen deshalb eher dazu, bei ihrer Wahl nicht zu sehr aus dem Rahmen zu fallen – wenn auch laut Studie in geringem Maße.

Also häufiger interessiert und seltener kalkuliert: Auf die Studienwahl scheinen tatsächlich die eigenen beruflichen Interessen den größten Einfluss zu haben. Von Belang sind diese Ergebnisse auch für die Politik, wenn es darum geht, Interessen junger Menschen für heute als geschlechter- untypisch geltende Studienfächer zu wecken. Laut Studie scheint die erfolgversprechendste Gelegenheit dafür die Schulzeit, wenn sich berufliche Präferenzen und erste Ideen für den späteren Beruf noch entwickeln.

 

Originalliteratur
Ochsenfeld, F. (2016). Preferences, constraints, and the process of sex segregation in college majors: A choice analysis. Social Science Research, 56, 117–132.

Zitierhinweis
Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. (2017, April): Studienwahl von Frauen und Männern: interessiert oder gut kalkuliert? (NEPS Ergebnisse). Bamberg, Deutschland.