Soziale Ungleichheit: Bildungsbiografien über vier Generationen ausgewertet

27.03.2017
 

Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern haben heute bessere Chancen auf das Abitur oder einen beruflichen Ausbildungsabschluss als noch ihre Eltern und Großeltern. Obwohl die Zahl der Studierenden steigt, sind es jedoch nach wie vor die jungen Menschen aus sozial bessergestellten Elternhäusern, die an einer Universität studieren. An Fachhochschulen geht es gerechter zu.

 
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In den letzten Jahrzehnten hat sich im deutschen Bildungssystem einiges getan. Das Bildungs- niveau der Generationen hat sich enorm erhöht, neue Hochschulen und Schulen sind entstanden, die Pflichtschulzeit wurde verlängert. Der Ausbau der Gesamtschulen als eine Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem wurde vorangetrieben. In einigen Bundesländern schaffte man Orientierungsstufen, bei denen Schülerinnen und Schüler erst nach der sechsten – anstatt nach der vierten – Klasse über ihre weitere Schullaufbahn entscheiden. Darüber hinaus wurden an vielen Stellen Sackgassen beseitigt: Ein Wechsel zwischen den Schulformen wurde somit erleichtert und mehr Möglichkeiten zum Nachholen von Bildungsabschlüssen geschaffen – etwa in Berufskollegs, Abendschulen und Berufsfachschulen. Auch die Hochschullandschaft ist seit den Bildungsreformen der letzten Jahre bunter geworden: Neue Formate, etwa Fachhochschulen und duale Studiengänge, sind entstanden und Hochschulabschlüsse wurden mit der Einführung des Bachelor-Master-Systems grundlegend umgestellt. Inzwischen gibt es in allen Bundesländern für beruflich Qualifizierte die Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne Abitur zu studieren.

Wer von diesen neuen Möglichkeiten tatsächlich profitierte, zeigt nun eine Auswertung von 13.152 Bildungsbiografien über vier Generationen. In ihrer Studie untersuchten Pia N. Blossfeld (Nuffield College, Universität Oxford, danach Universität Leipzig), Gwendolin J. Blossfeld (Nuffield College, Universität Oxford, danach Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V.) und Hans-Peter Blossfeld (European University Institute, Florenz) wie sich das Bildungsniveau von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen im Laufe der Zeit entwickelt hat. Hierzu betrachtete das Forscherteam schulische und berufliche Bildungsabschlüsse sowie den familiären Hintergrund von Personen, die zwischen 1919 und 1980 in Deutschland geboren wurden. Grundlage waren Interviewdaten aus der Deutschen Lebensverlaufsstudie (GLHS) und aus der NEPS-Erwachsenenstudie.


Heute kaum jemand ohne Abitur oder beruflichen Abschluss

Die Auswertung bestätigte, dass im Vergleich zu den älteren Generationen die jüngeren Jahrgänge besser ausgebildet sind – und zwar quer durch alle Herkunftsgruppen. Das zeigte sich beispielsweise bei den Abschlüssen: Hatte die Bildung der Eltern früher noch einen wesentlich Einfluss darauf gehabt, ob ihre Kinder überhaupt eine weiterführende Schule besuchten oder eine Berufsausbildung absolvierten, verlässt in den jüngeren Generationen kaum noch jemand das Bildungssystem ohne einen höheren Abschluss. Vor allem Frauen aus weniger privilegierten Schichten sind laut der Studie die großen Gewinner der Bildungsexpansion. Die Ursachen für den Anstieg der Bildungsbeteiligung von Frauen seit den 1950er-Jahren liegen vermutlich in dem Wandel der Geschlechterrollen im Laufe der Zeit; Frauen waren nun häufiger in qualifizierten Berufen tätig als früher. Daher mussten auch weniger privilegierte Familien mehr in die Bildung ihrer Töchter investierten. Aber: Weil höhere Abschlüsse heute die Regel sind, sinkt gleichzeitig deren Wert auf dem Arbeitsmarkt, so das Forscherteam.


An Fachhochschulen ist die Chancengleichheit höher als an Universitäten

Wie aus der Auswertung weiter hervorgeht, spielt die Bildung der Eltern für die Chancen ihrer Kinder auf einen Universitätsabschluss bis heute eine entscheidende Rolle: Junge Menschen aus Familien mit akademischen Hintergrund hatten nicht nur seit jeher die besseren Chancen auf das Abitur; sie besuchten schon seit Generationen auch selbst häufiger eine Universität. Die Gründe für diese ungleiche Chancenverteilung liegen laut Forscherteam nicht nur in der besseren schulischen Leistung von Akademikerkindern, sondern auch darin, dass höher gebildete Eltern ihre Kinder beim Lernen besser unterstützen und über Studienmöglichkeiten informieren können. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich anhand der untersuchten Bildungsbiografien seit der Wiedervereinigung auch in Ostdeutschland nachvollziehen.

Beim Fachhochschulabschluss stellte das Forscherteam hingegen keinen Einfluss der Bildungs- herkunft zugunsten der privilegierten Absolventinnen und Absolventen fest. Offenbar entscheiden sich junge Menschen aus höher gebildeten Elternhäusern häufiger gegen die Fachhochschulen und bevorzugen die traditionellen Universitäten, um ihre Vorteile auf dem Arbeitsmarkt zu bewahren, so die Forscher.

Während also weniger privilegierte Schülerinnen und Schüler bessere Chancen auf das Abitur oder eine berufliche Ausbildung haben als ihre Eltern- und Großelterngeneration, lässt sich dieser Trend beim Besuch einer Universität nicht nachweisen: Obwohl die Zahl der Studierenden steigt, sind es nach wie vor die bessergestellten jungen Menschen, die im Hörsaal der Universitäten sitzen.

 

Originalliteratur
Blossfeld, P. N., Blossfeld, G. J. & Blossfeld, H.-P. (2015). Educational expansion and inequalities in educational opportunity: Long-term changes for East and West Germany. European Sociological Review, 31(2), 144–160.

Zitierhinweis
Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e.V. (2017, März): Soziale Ungleichheit: Bildungsbiografien über vier Generationen ausgewertet (NEPS Ergebnisse). Bamberg, Deutschland.